Das Goethe-Institut
Im Wandel

70 Jahre Goethe-Institut sind auch eine Geschichte der technischen Transformation und des Fortschritts: von den ersten Sprachlaboren und futuristischer Computerkunst hin zu TikTok-Unterricht und Virtual Reality in Bibliotheken.

1973 Mumbai Bombay

Zwei Roboter­damen auf Welt­tournee

 Roboter am Goethe-Institut Warschau. Foto: Adam Burakowski / Goethe-Institut Roboter am Goethe-Institut Warschau.

Gestatten? Das sind NAOmi und GAIA, die wahrscheinlich am internationalsten und inklusivsten agierenden Roboterdamen unserer Zeit. Denn die beiden sind weit gereist, einmal quer durch Europa, und das mitten in der Corona-Pandemie – für humanoide Roboter waren selbst im Lockdown alle Grenzen offen. Sie haben Fuball spielen gelernt, knnen tanzen und singen, mehre Sprachen sprechen und herausfinden, ob ihr Gegenüber als Mann oder als Frau angesprochen werden mchte.

NaoMI in Bratislava mit der Künstlerin Emma Záhradníková Foto: Goethe-Institut NaoMI in Bratislava mit der Künstlerin Emma Záhradníková

Die Roboterdamen sind Teil des Projekts Generation A=Algorithmus“, das die Diskussion über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Alltag voranbringen soll. Dabei geht es auch um die Zukunftsfragen der Kultur- und Spracharbeit: Humanoide Roboter wie NAOmi und GAIA sollen schon bald Kinder erziehen und Kranke pflegen, in Altenheimen und Restaurants sind sie heute bereits im Einsatz. Dort müssen sie mit Menschen mit unterschiedlichen soziokulturellen Hintergründen interagieren, mit verschiedenen Sprachen und Altersgruppen. Dafür bedarf es der ntigen interkulturellen Sensibilitt. Hat das Goethe-Institut in seiner Anfangszeit ausschlielich menschlichen Sprach- und Kulturaustausch gefrdert, werden heute auch Roboter einbezogen.

Kulturaustausch für Roboter
Robots in Residence“

Was muss ein Roboter knnen, wenn er auf Reisen geht? Sich selbst vorstellen, Witze erzhlen und eine Tai-Chi-bung anleiten – so entschieden es die Programmierer*innen von NAOmi und GAIA in München: Mit dieser Programmierung schickten sie die beiden Roboterdamen auf Reise. NAOmi und GAIA sind humanoide Roboter der japanisch-franzsischen Firma SoftBank Robotics, ein Modell, das bereits weltweit in Bildungseinrichtungen im Einsatz ist. Sie sind selbstlernend, knnen sich also eigenstndig Wissen aneignen. NAOmi und GAIA reisen seit Juni 2020 durch die europischen Goethe-Institute. Ihre Betreuer*innen vor Ort entscheiden selbst, was sie ihnen beibringen. In Bremen etwa übten sie Fuball spielen, in Groningen boxen. In Budapest lernten sie Bildbeschreibungen tippen, in Warschau unterrichten.

 Roboter mit Wanderrucksack: GAIA und NaoMI sind auf Erkundungstour durch Europa.

Das Projekt ist nur eines von vielen Beispielen, das zeigt, wie viel sich getan hat, seitdem das Goethe-Institut mit seinen ersten Sprachkursen gestartet ist. In den folgenden Jahrzehnten haben technische Innovationen und die Digitalisierung den Alltag, die Spracharbeit, Kunst und Kultur grundlegend verndert.

Das Goethe-Institut war von Beginn an darum bemüht, neue Technologien in seine Sprach- und Kulturarbeit einzubinden und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel kritisch zu begleiten.

Ein Blick zurück

Wie technische Neuerungen in den 1960er-Jahren die Spracharbeit des Goethe-Instituts verndert haben.

 In den 60er-Jahren lernten die Schüler*innen im Sprachlabor die deutsche Sprache mithilfe von Tonbandgerten.

Deutsch lernen im Sprach­labor

Als das Goethe-Institut vor 70 Jahren mit seiner Arbeit begann - zunchst mit Sprachkursen im Inland, bald auch mit Deutschunterricht im Ausland, eigenen Bibliotheken und internationalem Kulturaustausch – lagen die heutigen digitalen Mglichkeiten noch in weiter Ferne. Damals wurden Wrterbücher gewlzt und auf Schreibmaschinen getippt, Teilnehmer*innen über Whlscheiben-Telefone kontaktiert und Kurszeiten über Aushnge kommuniziert.

Für die Deutschkurse war es nahezu revolutionr, als in den 1960er-Jahren mit den Sprachlaboren die neueste Technik Einzug in den Sprachunterricht hielt. ber Kopfhrer bekamen die Schüler*innen Stze oder Anweisungen der Lehrerenden eingespielt, die sie in der fortgeschritteneren Version der Sprachlabore auch nachsprechen und aufzeichnen konnten. Im Jahr 1976 verffentlichte das Goethe-Institut mit der Ausstellung Wege zur Computerkunst“ auch erste am Computer kreierte Kunstwerke, von denen die ltesten aus den 1950er-Jahren stammten.

Die ersten Sprachlernfilme
Was gibt es zu essen?“

Die ersten Sprachfilme des Goethe-Instituts aus den 1960er-Jahren behandelten Alltagssituationen wie einen Restaurantbesuch, vermittelten diese aber mit viel Humor.  

Auszug im Restaurant

Es sollte aber noch knapp zwei Jahrzehnte dauern, bis auch das Zeitalter der PCs anbrach, der Personal Computer. Tower und Rhrenbildschirme eroberten die Schreibtische. Horst Weber, seinerzeit Sprachlehrer am Goethe-Institut in Dublin, erinnert sich noch genau, wie er sich seinen ersten Computer zulegte, um Arbeitsbltter für den Unterricht zu erstellen. Die Sprachlehrer*innen haben sofort erkannt, welches Potenzial in dieser Technik liegt“, erinnert er sich. Weber begab sich auf die Suche nach interaktiven Lehrinhalten, die anfangs noch auf Floppy-Disc vertrieben wurden, erst spter folgten die ersten Lernprogramme auf CD-ROM.

Erste Homepage des Goethe-Instituts. Screenshot: Goethe-Institut Erste Homepage des Goethe-Instituts.

Mitte der 1990er-Jahre begannen die ersten Auslandsinstitute, eigene Websites aufzubauen, über die sie sich untereinander vernetzen und Arbeitsbltter austauschen konnten. Das war ein Riesenerfolg“, erzhlt Weber. Statt tagelang auf Zeitungen oder Zeitschriften zu warten, die damals noch per Post aus München verschickt wurden, konnte damit nun tagesaktuell gearbeitet werden. Auch die Zentrale des Goethe-Instituts sprang auf den Zug auf und begann mit ihrer Abteilung Forschung und Entwicklung eigene interaktive Lerninhalte zu erstellen. 1995 ging dann die erste gesamtinstitutionelle Website des Instituts ins Netz: Das Goethe-Institut war online, noch drei Jahre bevor Google gegründet wurde.

Goethe-Lab Sprache
Ist das von dir oder von DeepL?“

Freies Schreiben ist ein wichtiger Bestandteil des Deutschunterrichts an den Goethe-Instituten weltweit. Anhand freier bungen knnen Sprachlehrer*innen erkennen, ob die Lernenden den behandelten Wortschatz und die Grammatik beherrschen. Immer wieder aber nehmen Sprachschüler*innen auch automatisierte bersetzungsprogramme wie DeepL oder Google Translate zur Hilfe. Um solche Texte in Zukunft erkennen zu knnen, hat das Goethe-Institut zusammen mit der Humboldt-Universitt Berlin ein selbstlernendes Programm entwickelt, das Natural-Language-Processing-Verfahren mit Machine Learning kombiniert. Es kann nicht nur erfolgreich automatisiert erstellte Textpassagen aus bersetzungsprogrammen ausfindig machen, sondern hilft auch, die Schreibaufgaben der Schüler*innen zu bewerten.

Woran forscht das Goethe-Lab Sprache?
Deutsch lernen auf TikTok mit Host Alex Foto: Goethe-Institut Deutsch lernen auf TikTok mit Host Alex Heute hat sich in der Spracharbeit vieles gendert: Sprachlehrer*innen im Hipster-Look bringen ihren Follower*innen auf TikTok die wichtigsten Vokabeln nahe. In den Unterrichtsrumen der Goethe-Institute kommen interaktive Whiteboards und Laptops zum Einsatz. Und für jene, die sich in den Sozialen Medien bewegen, erklren Facebook-Comics deutsche Redewendungen. Zugleich liefern sich die Kursleiter*innen einen stndigen Kampf mit den immer intelligenter werdenden bersetzungsprogrammen, die ihren Schüler*innen die Hausaufgaben erleichtern, aber zum Lernerfolg wenig beitragen. Sptestens seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist auch digitaler Unterricht zur Normalitt geworden: Physische Prsenz und analoge Kommunikation, die anfangs viele Ressourcen gebunden haben, sind schon lange kein Muss mehr.
 

Bibliotheken

Wie sich die Bibliotheken des Goethe-Instituts im Zeitalter der Digitalisierung neu erfunden haben.

Der Roboter Pepper“ bert Besucher*innen der Bibliothek des Goethe-Instituts London.

Mehr als nur Bücher

Die Fortschritte in der Spracharbeit sind aber nur ein kleiner Teil der Vernderungen, die der digitale Wandel mit sich gebracht hat. Sehr viele Wendungen haben auch andere Bereiche genommen – die Bibliotheken zum Beispiel.

Im Zeitalter von Wikipedia und Streamingdiensten, in denen nahezu jede Information und fast jedes Buch auch zum Download zur Verfügung stehen, scheint das Modell der Bücher-Ausleihe ausgedient zu haben. Doch wer meint, dass Bibliotheken deshalb in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren haben, der irrt – zumindest in der Welt des Goethe-Instituts. Denn ihre Grundidee, das Sharing“, ist voll im Trend – und darauf haben die Institutsbibliotheken weltweit reagiert.

Die Bibliothek der Dinge in Prag
Eine neue Art von Bibliothek

Es gibt Werkzeuge, die man nur sehr selten braucht. Und teure Gerte, die man erst testen mchte, bevor man sie sich kauft. Für solche Flle gibt es eine neue Form der Bibliothek: die Bibliothek der Dinge.  

Die Bibliothek der Dinge in Prag

Inzwischen sind die Bibliotheken ins Zentrum der Institute gerückt“, erzhlt Brigitte Dllgast, Leiterin des Bibliotheksbereichs. Dafür haben sich ihre Aufgaben verndert: Die Bibliotheken dienen nicht mehr in erster Linie dazu, gedruckte Informationen bereitzustellen, sondern bieten auch andere Sachen zum Teilen an – in der Bibliothek der Dinge etwa, wie das Goethe-Institut sie im slowakischen Bratislava eingerichtet hat. Es gibt viele Gegenstnde, die man selten braucht oder einmal ausprobieren mchte“, erlutert Dllgast die Idee. Von der Bohrmaschine bis zum Brotbackautomaten gibt es Anschaffungen, die sich individuell nicht wirklich lohnen. Da liegt es nahe, sie stattdessen in einer Bibliothek zu leihen. Andere Bibliotheken haben Filmstudios zur ffentlichen Nutzung eingerichtet, wie etwa in Addis Abeba in thiopien, oder Büroarbeitspltze für Sozialunternehmer*innen, wie im südafrikanischen Johannesburg. Hier gibt es auch eine Gamebox, in der Besucher*innen eine Auswahl an Independent-Games aus Deutschland und Subsahara-Afrika ausprobieren knnen. Die Bibliothek im gyptischen Kairo hat einen sogenannten Makerspace aufgebaut, einen Kreativraum, in dem Interessierte neue Technologien ausprobieren knnen.

Zugleich versucht das Goethe-Institut, klassische Literatur und Film neu zu vermitteln und erlebbar zu machen. Seit einigen Jahren experimentieren sie dafür mit Virtual-Reality-Technologie. Die Multimediainstallation Das Cabinet des Dr. Caligari“ etwa lie Besucher*innen durch das Filmepos aus dem Jahr 1919 wandeln, Kafkas Erzhlung Die Verwandlung“ konnte in der VR-Installation VRwandlung“ nacherlebt werden. Als die VRwandlung“ 2018 von Tschechien aus auf Welttournee durch die Bibliotheken der Goethe-Institute ging, stie sie auf groe Begeisterung. In Minsk kamen 35.000 Besucher*innen, und egal ob in Ghana oder Myanmar, sobald es sich herumsprach, wurde die Schlange lnger“, erzhlt Goran Vulinovic, der in der Münchner Zentrale die VR-Projekte betreut. Ebenfalls auf Welttournee ging 2019 das Virtuelle Bauhaus“, das einen digitalen Besuch am Dessauer Bauhaus ermglicht.

Virtuelles Bauhaus“
Per VR in die 1920er-Jahre

Zum 100. Jubilum des Bauhaus entwarf das Goethe-Institut eine digitale Zeitreise. Virtuelles Bauhaus“ nimmt seine Besucher*innen mit in das ikonische Gebude in Dessau aus den 1920er-Jahren, wo sie eine Materialstudie im Werkstattraum kreieren, die Student*innenwohnheime erkunden oder eine experimentelle Aufführung in der Bühnenwerkstatt erleben knnen. 

Virtuelles Bauhaus“
Was die Bibliotheken am Goethe-Institut trotz aller Vernderungen geblieben sind: ein sozialer Treffpunkt. Sie greifen gesellschaftliche Diskussionen auf und tragen sie in verschiedene Gesellschaftsschichten. Vor allem die Herausforderungen der Informationsgesellschaft thematisieren sie konsequent und starten etwa Projekte zur Bedeutung von Künstlicher Intelligenz oder zur Verbreitung von Fake News. Die Formate reichen von Diskussionsveranstaltungen über Podcasts bis hin zu Coding-Workshops. Da sind wir auch Vermittler zwischen deutschen Diskussionsstnden und denen im jeweiligen Gastland“, erlutert Dllgast.

Kulturarbeit im Internet

Wie sich das Goethe-Institut in seiner Kulturarbeit für digitale Mündigkeit und ein gerechtes Internet einsetzt.  

 Kulturarbeit im Internet: Gegen Fake News und Neokolonialismus

Gegen Fake News und Neokolonia­lismus

berhaupt, die Themen der Informationsgesellschaft: Sie sind für das Goethe-Institut ganz zentral geworden. Denn Sprache, Informationsaustausch und interkulturelle Kommunikation, all das findet heute vor allem auch digital statt. Hier die gesellschaftlich-kulturelle Debatte mitzugestalten, darin sieht das Goethe-Institut eine Aufgabe.  

Digitale Mündigkeit etwa ist solch ein Thema: Welche Information im Netz ist echt, wie erkennt man Fake News? Beim internationalen Projekt Game’n’Train-Mixer“ von Februar bis April 2021 erstellten Spieleentwickler*innen aus Asien, Afrika und Lateinamerika dazu Lehrspiele. Das Goethe-Institut in Moskau veranstaltete Infoworkshops mit Expert*innen. Und beim Online-Hackathon The Climate Challenge“, den das Goethe-Institut gemeinsam mit Scientists4Future und The Hackathon Company organisierte, wurde unter anderem ein Bot entwickelt, der auf Twitter prüft, ob Tweets zum Klimawandel von Expert*innen stammen und ob die darin geuerten Informationen valide sind.  

Neokolonialismus in der digitalen Welt ist ein anderes Schlagwort: Wer schreibt eigentlich die Texte auf einschlgigen Internetportalen, etwa der Wikipedia-Enzyklopdie? Und welche Weltsicht wird dabei transportiert? Bisher dominiert hufig die westlich geprgte Perspektive der Industrienationen. Dies gilt auch, wenn es um die Programmierung von Algorithmen für Künstliche Intelligenz geht: Dabei werden nicht selten – von den Entwickler*innen meist unbemerkt – Rassismus und Stereotype weitergetragen. Einen Gegenentwurf liefern Projekte des Goethe-Instituts wie die Robots in Residence“, NAOmi und GAIA, die ihre Lernerfahrungen in unterschiedlichen Lndern und Kulturen machen.

Oder Projekte wie Wessen Wissen?“ zum Thema Entkolonialisierung des Internets: Die Edit-A-Thons in Afrika, also kollaborative Treffen zur Erweiterung von Wikipedia um bestimmte Artikel und Themengebiete, die unter anderem mit der Open Foundation West Africa, WikimediaZA Foundation und Whose Knowledge zusammen durchgeführt wurden. In der Enzyklopdie sind seitdem eine Reihe neuer Eintrge zu lesen, zum Beispiel über die thiopische Sozialunternehmerin Bruktawit Tigabu Tadesse. Artikel wie die Biografie der thiopischen Prsidentin Sahlework Zewde stehen jetzt auch auf lokalen Sprachen – in diesem Fall Amharisch – zur Verfügung.

All diese Projekte, zusammen mit den vielfltigen Diskussionsveranstaltungen und Hackathons der Goethe-Institute weltweit, stellen immer wieder die Frage, wie wir in der neuen digitalisierten Welt leben wollen, und zeigen Wege und Mglichkeiten für die Zukunft auf. So auch die Ausstellung A Better Version of Me“, bei der Künstler*innen in Seoul 2017 und Peking 2018 Tech-Produkte prsentierten, die es noch nicht gibt – etwa einen Avatar, mit dem Nutzer*innen ihre eigene Identitt anhand ihrer Social-Media-Prsenz erkunden knnen, oder ein Programm für Geldanleger*innen, das die Investitionsstrategie seiner Nutzer*innen nach deren Ableben mit dem hinterlassenen Vermgen fortführt.

NAOmi und GAIA, die beiden Roboterdamen, werden übrigens im Oktober 2021 wieder in Deutschland ankommen und sich im November auf dem Abschlussfestival von Generation A=Algorithmus“ in Dresden einfinden. Dort wird man live erleben knnen, wie ein Algorithmen-Gehirn tickt, das seine Lebens- und Lernerfahrungen in unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Gesellschaftsgruppen gemacht hat: eine durch und durch multikulturelle Künstliche Intelligenz.

Autor: Wolfgang Mulke
 
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